HINTERGRUND-Proteste und Krieg - Iraner blicken mit Sorge in die Zukunft
- von Parisa Hafezi und Angus McDowall
Dubai, 19. Apr (Reuters) - Nach wochenlanger Bombardierung durch die USA und Israel sowie der blutigen Niederschlagung von Protesten zuvor im Januar bemühen sich die Menschen im Iran um einen Hauch von Normalität. Doch die Schäden durch Luftangriffe und die Internetblockaden belasten die Bevölkerung, die mit Sorge in die Zukunft blickt. Während der Iran und die USA über eine Verlängerung der Waffenruhe und ein Abkommen zur Beendigung des Konflikts ringen, bleiben Geschäfte, Restaurants und Behörden geöffnet. An sonnigen Frühlingsmorgen sind die Stadtparks voll mit Familienpicknicks und Sport treibenden jungen Leuten, während sich andere in Straßencafés versammeln. Doch die iranische Wirtschaft liegt in Trümmern, und die Menschen fürchten ein neues hartes Durchgreifen der Regierung nach einem Ende des Krieges.
"Der Krieg wird enden, aber dann beginnen unsere wahren Probleme mit dem System", sagte die 37-jährige Fariba, die an den Unruhen im Januar teilnahm, der Nachrichtenagentur Reuters am Telefon. "Ich habe große Angst, dass der Druck auf die einfachen Leute zunehmen wird, wenn das Regime ein Abkommen mit den USA erzielt." Die Menschen hätten die Verbrechen des Regimes im Januar nicht vergessen. Sie hielten sich jetzt zurück, weil sie nicht auch noch an einer inneren Front kämpfen wollten, erklärte sie. Den offiziellen Zahlen zufolge wurden bei den Luftangriffen Israels und der USA Tausende Menschen getötet.
Die Theokratie des Iran scheint so fest verankert wie eh und je, nachdem sie die wochenlangen Angriffe überstanden und die Kontrolle über Ölvorräte behauptet hat. "Die Iraner haben verstanden, dass dieser Krieg das Regime nicht stürzen wird, aber gleichzeitig wird er ihr Leben wirtschaftlich viel schlimmer machen", sagte Omid Memarian, Iran-Analyst bei der unabhängigen US-Denkfabrik Dawn. Das Militär werde die Waffen nicht niederlegen. "Sie werden bleiben, und es wird blutig werden. Es wird teuer werden, ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft", fügte er hinzu.
"WAS KOMMT ALS NÄCHSTES?"
Im wohlhabenden Norden Teherans befragte Reuters diese Woche junge Iraner vor der Kamera zu dem Krieg und ihren Sorgen. Ausländische Medien arbeiten im Iran unter Richtlinien des Ministeriums für Kultur und Islamische Führung, das die Pressearbeit reguliert. Mehtab, die in einem Privatunternehmen arbeitet und ihren Nachnamen nicht nennen wollte, sagte, es könnte für die Iraner angesichts der Auswirkungen des Krieges und der jahrelangen Sanktionen und Isolation noch schlimmer kommen. "Ich will nicht sagen, dass es normal ist, aber als Iranerin mit einer solchen Geschichte ist es nicht sehr schlimm. Wir können damit leben", erklärte sie dennoch.
Diese Ansicht teilten viele Iraner, die Reuters telefonisch erreichte, jedoch nicht. Sie äußerten weitaus größere Ängste und sprachen aus Sorge vor Repressalien anonym. "Ja, die Menschen genießen vorerst die Waffenruhe - aber was kommt als Nächstes?" fragte die 27-jährige Privatlehrerin Sara, die weder ihren Nachnamen noch ihren Aufenthaltsort nennen wollte. "Was sollen wir mit einem Regime machen, das noch mächtiger geworden ist?"
Tausende Menschen wurden getötet, als das Regime im Januar wochenlange Proteste niederschlagen ließ. US-Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärten zu Beginn des Kriegs Ende Februar, sie hofften auf einen Sturz der herrschenden Geistlichen. Doch dieses Ziel trat mit Fortdauer des Krieges in den Hintergrund. Die Wut über das harte Durchgreifen habe auch dazu geführt, dass viele Iraner neue Machthaber wollten, dem Krieg aber bald ablehnend gegenüberstanden, sagte Analyst Memarian. "Ich glaube, vielen Iranern wurde klarer, dass dieser Krieg nicht darauf ausgelegt ist oder nicht darauf abzielt, dem iranischen Volk zu helfen."
"DIE STUNDE DER WAHRHEIT"
Weder Mehtab noch andere Frauen, die in einem Café im Norden Teherans saßen, trugen den Hidschab, eine Kopfbedeckung, die im Iran jahrzehntelang Pflicht war. Lockerere öffentliche Kleidungsvorschriften sind das Ergebnis von Massenprotesten im Jahr 2022, unter anderem für Frauenrechte. Die Behörden schlugen auch diese gewaltsam nieder, nahmen aber stillschweigend von der Durchsetzung einiger Kleidungsvorschriften Abstand. Der unabhängige iranische Politik-Analyst Hossein Rassam aus Großbritannien sagte, im Januar sei deutlich geworden, dass die Behörden nicht wieder so leicht nachgeben würden.
Der Krieg habe die Iraner noch stärker polarisiert als zuvor, ihnen aber nur wenige Optionen gelassen, sagt Rassam. "Dies ist die Stunde der Wahrheit für die Iraner, denn am Ende des Tages erkennen die Iraner, insbesondere die Iraner im Land, dass sie zusammenleben müssen. Es gibt keinen Ort, an den sie gehen können", erklärte er.
Viele befürchten nun, dass sich die Repressionen verschlimmern könnten. "Auf den Straßen laufen Frauen ohne Hidschab herum, aber es ist unklar, ob diese Art von Freiheiten nach einem Abkommen mit den USA fortbestehen wird", sagte Arjang, ein 43-jähriger zweifacher Vater, Reuters telefonisch aus dem Norden Teherans. Der Druck werde hundertprozentig zunehmen, denn sobald es Frieden mit Washington gebe, werde das Regime nicht mehr demselben Druck von außen ausgesetzt sein.
Die Proteste im Januar brachten keine spürbare Veränderung für das Leben der Menschen, führten aber dazu, dass die Behörden die Internetnutzung stark einschränkten. "Selbst die kleinsten Dinge, wie die Kontaktaufnahme mit unseren Familienmitgliedern, die im Ausland leben, sind unmöglich", sagte die 47-jährige Faezeh. Die Frustration in der Bevölkerung könnte nach dem Ende des Krieges zunehmen, wenn die Menschen weniger Angst hätten, als Verräter abgestempelt zu werden, sagte Memarian. "Es gibt eine Menge Feuer unter der Asche", fasste er zusammen.
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