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HINTERGRUND-Papierkrieg erschwert deutschen Startups die Eroberung des Weltraums

ReutersMar 25, 2026 8:00 AM
  • Bewerbung für Staatsaufträge oder -zuschüsse ist komplex
  • Weltraum gewinnt wirtschaftlich und militärisch an Bedeutung
  • "Staat könnte als Ankerkunde aktiver sein"

- von Hakan Ersen

- Der Weltraumpionier Wernher von Braun soll einst gesagt haben, westliche Bürokratie habe dazu beigetragen, dass die Sowjetunion den USA 1957 zuvorkam und als Erste einen Satelliten in die Umlaufbahn brachte. Rund 70 Jahre später sehen sich junge deutsche Raumfahrtfirmen bei der Erschließung des Zukunftsmarkts Weltraum mit ganz ähnlichen Hürden konfrontiert.

"Die öffentlichen Auftraggeber müssen vermehrt dazu übergehen, Lösungen zu kaufen, anstatt Spezifikationen bis ins kleinste Detail vorzuschreiben", fordert Andreas Kanstein, Geschäftsführer des Centrums für Satellitennavigation Hessen (Cesah). Die Organisation soll die Entwicklung von Raumfahrttechnologien beschleunigen und dient als Ansprechpartner für Unternehmensgründer. "Wir brauchen europäische Champions. Hierzu muss der Staat verstärkt als Erstkunde auftreten und eventuelle Fehlschläge in Kauf nehmen." Nur so kann Europa nach einhelliger Expertenmeinung in dem milliardenschweren Markt mitmischen.

Bei der Auftragsvergabe durch staatliche Stellen liegt der Schwerpunkt meist auf Risiko-Minimierung: Bewerber müssen testierte Bilanzen vorweisen, zudem drohen hohe Vertragsstrafen. Da sich der Staat oft exklusive Nutzungsrechte sichert, bremst er das Wachstum der Startups, die ihre Technologien dann nicht anderweitig vermarkten dürfen. Auch die Forschungsförderung ist komplex: Unternehmen müssen aus Tausenden Programmen mit eigenen Kriterien das passende finden. Die Bewilligung dauert oft Monate, zudem müssen Projekte meist vorfinanziert werden. Ein kleines Startup wie The Plasma Rocket Company, das Manövriertriebwerke für Satelliten entwickelt, stellt dies vor Probleme: "Der Staat könnte als Ankerkunde aktiver sein. Das würde es mir erleichtern, an Kredite zu kommen", sagt Gründer Danny Kirmse, der zur Absicherung seines Lebensunterhalts einen Teilzeitjob bei einem Material- und Messtechnik-Unternehmen hat.

Der Bund unterstützt nach eigener Einschätzung Startups bereits umfassend. Es gebe zahlreiche spezielle Förderprogramme, betont das Bundesforschungsministerium. Zudem prüfe die Agentur für Sprunginnovation Sprind weitere Weltraumprojekte. Der Staat trete teils bereits als Ankerkunde auf.

GELD UND POLITISCHER WILLE SIND VORHANDEN

Schätzungen zufolge sind in Deutschland mehr als 100 "New Space"-Unternehmen aktiv. Darunter verstehen Experten Startups, die das Weltall als Wirtschaftsraum erschließen wollen. Dem Branchendienst Spacenexus zufolge lag das weltweite Volumen dieses Sektors 2025 bei etwa 380 Milliarden Dollar. Der Markt werde auf absehbare Zeit um jährlich sieben bis neun Prozent wachsen.

Jonas Kellner, Sprecher der Rocket Factory Augsburg (RFA), blickt daher optimistisch in die Zukunft: "Der Bedarf an souveränem, unabhängigem Zugang zum Weltraum ist sehr viel größer als noch vor ein paar Jahren." RFA plant für Herbst 2026 den ersten Testflug einer Rakete für niedrige Umlaufbahnen. Konkurrent HyImpulse aus Neuenstadt am Kocher will in den kommenden Monaten eine verbesserte Version seiner Rakete "SR75" ebenfalls vom britischen Weltraumbahnhof SaxaVord starten.

Unmittelbar vor dem Start steht die Trägerrakete "Spectrum" der Münchener Isar Aerospace, die Kleinsatelliten ins All befördern soll. Kürzlich begutachtete Bundeskanzler Friedrich Merz die Startvorbereitungen des Unternehmens im norwegischen Andoya. "Die Politik hat erkannt, wie wichtig unsere Branche ist", sagt HyImpulse-Chef Christian Schmierer. "Von günstigen Satellitenstarts profitieren auch staatliche Institutionen oder die Bundeswehr."

WELTRAUM WIRD FÜR MILITÄRISCHE ZWECKE IMMER WICHTIGER

Aus sicherheitspolitischer Sicht wird die Unabhängigkeit von außereuropäischen Weltraumfirmen wichtiger. Der Ukraine-Krieg verdeutlicht die Bedeutung von Satelliten für Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung. Der Bund hat daher ein 35 Milliarden Euro schweres Aufrüstungsprogramm für den Weltraum aufgelegt. Davon sollen zehn Milliarden Euro in ein nationales Satelliten-Netzwerk fließen, das die Rüstungsschmiede RheinmetallRHMG.DE, der Luft- und Raumfahrtkonzern AirbusAIR.PA und der Satellitenbauer OHBOHBG.DE liefern sollen.

Startups fehlten bislang jedoch Details zur Umsetzung der Rüstungspläne, bemängelt Victor Maier, Deutschland-Chef von The Exploration Company. Das Unternehmen aus Planegg bei München entwickelt wiederverwendbare Raumkapseln, um Fracht zu Weltraumstationen zu befördern. Es benötigt dabei alternative Trägersysteme zu den SpaceX-Raketen des umstrittenen US-Milliardärs Elon Musk. Die Frachtkapsel Nyx sei zu schwer für aktuelle deutsche Raketen und der Transport mit der europäischen "Ariane 6" zu teuer, so Maier.

Walter Ballheimer, der Chef des Berliner Satellitenbauers Reflex Aerospace, dringt auf ein eigenes Ökosystem für die Branche. Von der Rakete bis zum Satelliten müssten mehrere heimische Anbieter gefördert werden, um Ausfälle abzufedern. "Nur so stellen wir sicher, dass wir in Zukunft nicht vor denselben Abhängigkeiten stehen wie heute." Dazu müsse das Vergabeverfahren umgekrempelt werden. "Die bisherigen Ausschreibungen sind so komplex, dass sich meist nur Großkonzerne darauf bewerben können."

Das Verteidigungsministerium verweist auf Reformen im Beschaffungswesen, die Startups zugutekämen. So sollen künftig Startkapazitäten bei Raketenbauern verbindlich gebucht werden. Die Produkte junger Firmen seien jedoch oft nicht kurzfristig verfügbar. "Kritische, militärische Fähigkeiten setzen zudem einen Nachweis der technologischen Zuverlässigkeit voraus, der nicht immer von Startups geleistet werden kann."

Dennoch klafft eine Finanzierungslücke zu US-Wettbewerbern. Laut der Risikokapitalfirma Seraphim floss 2025 zwar die Rekordsumme von 12,4 Milliarden Dollar in den Sektor, heimische Startups erhielten aber nur ein Fünftel davon. Europa müsse nachlegen, fordert Daiva Rakauskaite von der Wagniskapitalfirma Aneli, die sich auf die Finanzierung von Startups in der Frühphase spezialisiert hat. "Die kommenden Jahre sind entscheidend, um politische Ambitionen in industriellem Maßstab zu verwirklichen."

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