- von Tom Balmforth
Kiew, 05. Mrz (Reuters) - Der ukrainischen Luftwaffe sind inmitten massiver russischer Angriffe im Winter offenbar wochenlang die Raketen für ihre F-16-Kampfjets ausgegangen. Drei mit der Situation vertraute Personen sagten der Nachrichtenagentur Reuters, die Maschinen hätten von Ende November bis Mitte Dezember mehr als drei Wochen lang nicht über genügend Munition verfügt, um russische Drohnen und Raketen abzuschießen. Der Nachschub der Verbündeten sei genau zu dem Zeitpunkt versiegt, als die Regierung in Moskau eine massive Luftoffensive gegen die ukrainische Energieinfrastruktur vorbereitet habe. Der akute Mangel offenbart die Verwundbarkeit der ukrainischen Luftverteidigung, die im mittlerweile mehr als vier Jahre andauernden Krieg stark von westlichen Lieferungen abhängig ist.
Den Insidern zufolge verfügte die Ukraine für ihr gesamtes F-16-Geschwader nur noch über eine Handvoll US-Raketen des Typs AIM-9 "Sidewinder", als die Lieferungen stoppten. Dies habe die Piloten zu riskanten Manövern gezwungen. Einem der Insider zufolge flogen sie Einsätze bei Tageslicht und versuchten, Drohnen mit ihren Bordkanonen abzuschießen. In ihrer Not hätten Piloten auch versucht, Raketen zu verwenden, die bei früheren Einsätzen nicht gezündet hatten, in der Hoffnung, dass diese nach einer Wartung funktionieren würden. In einigen Fällen sei dies gelungen.
Die Engpässe traten in einer politisch sensiblen Phase auf. Die Regierung in Kiew bemüht sich, die Beziehungen zur Regierung von US-Präsident Donald Trump nicht zu belasten. Trump hat die direkte Militärhilfe seines Vorgängers Joe Biden durch das sogenannte PURL-System ("Prioritised Ukraine Requirements List") ersetzt. Dabei verkaufen die USA Waffen an Nato-Verbündete, die diese dann an die Ukraine weitergeben. Ein Nato-Vertreter sagte, über PURL habe die Ukraine seit dem Sommer etwa 75 Prozent aller Raketen für die Patriot-Batterien und 90 Prozent der Munition für andere Flugabwehrsysteme erhalten.
URSACHE FÜR ENGPÄSSE UNKLAR
Die Auswirkungen des vorübergehenden Raketenmangels konnte Reuters nicht ermitteln. Dem ersten Insider zufolge fiel der Engpass jedoch nicht mit den schwersten russischen Angriffen im Winter zusammen.
Die F-16-Jets können neben den älteren AIM-9-Raketen auch moderne AIM-120-Raketen tragen. Diese kosten nach Angaben von Insidern jedoch weit über eine Million Dollar pro Stück und werden daher selten gegen billige Drohnen eingesetzt. Da diese Raketen auch im norwegischen Flugabwehrsystem NASAMS verwendet werden, war dessen Einsatzfähigkeit laut einem der Insider ebenfalls eingeschränkt. Auch bei RIM-7-Raketen für modifizierte Systeme aus Sowjetzeiten habe es Engpässe gegeben.
Reuters konnte weder die Ursache für die Engpässe in Erfahrung bringen, noch, ob sie auf ein Zögern der USA oder Europas zurückzuführen waren. Einem der Insider zufolge hatten ausländische Partner Kiew mitgeteilt, dass sie über keine Bestände mehr verfügten. Welche Partner dies waren, ließ der Insider offen.
Die Lücke wurde den Insidern zufolge im Dezember geschlossen, kurz bevor Russland eine große Angriffswelle startete. Die Ukraine erhielt den Angaben zufolge AIM-9-Luft-Luft-Raketen von Partnern. Die Insider lehnten es ab, zu sagen, von welchen Ländern die Lieferungen kamen. Ein vierter Insider sagte, Deutschland und Kanada hätten in den vergangenen Monaten solche Raketen geliefert. Das kanadische Verteidigungsministerium teilte mit, es sei dabei, AIM-9M-8-Raketen aus Beständen der Streitkräfte zu spenden. Das deutsche Verteidigungsministerium lehnte eine Stellungnahme zu spezifischen Lieferungen ab.
Auch das US-Verteidigungsministerium und die ukrainische Luftwaffe äußerten sich nicht zu den Engpässen. Ein US-Regierungsvertreter betonte lediglich, Washington unterstütze die Ukraine durch Waffenverkäufe über die Nato und habe "enorme Fortschritte" auf dem Weg zu einem Friedensabkommen gemacht.