
Frankfurt, 19. Feb (Reuters) - Die geplanten Altersbeschränkungen für den Zugang zu sozialen Medien sind nach Einschätzung eines Experten ein Irrweg. Das Kernproblem sei das Design der Apps von TikTok, Instagram & Co, sagte Stephan Dreyer, Forscher am Hans-Bredow-Institut (HBI) in Hamburg, auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. Personalisierte Angebote, endloses Scrollen oder die Förderung nächtlicher Nutzung sollten verboten werden. "Warum bestrafen wir die Kinder, wenn wir eigentlich die Plattformgestaltung angehen müssten?" Der europäische Digital Services Act (DSA) biete hierfür die rechtlichen Grundlagen. Das Gesetz verbietet unter anderem manipulative Praktiken und auf Kinder ausgerichtete Werbung.
Ohnehin wäre eine von einzelnen EU-Staaten beschlossene Altersbeschränkung nur dann rechtlich bindend, wenn die Eltern die jugendlichen Nutzer selbst oder die Eltern in die Pflicht genommen würden, fügte Dreyer hinzu. Lediglich die Europäische Union (EU) könne die Online-Konzerne verpflichten, wie in Australien eine Zugangsbeschränkung umzusetzen.
Einige Staaten wie Frankreich oder Spanien planen eine Zugangsbeschränkung bei TikTok, Instagram & Co für Jugendliche unter 16 Jahren nach australischem Vorbild. Auch in Deutschland läuft eine entsprechende Diskussion. Die Bundesregierung will erst nach der Sommerpause entscheiden, ob sie sich hinter ein Verbot von Social-Media-Plattformen für Kinder stellt. Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich offen für eine solche Maßnahme. Im vergangenen November hatte das Europäische Parlament eine nicht bindende Entschließung verabschiedet, die ein Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien fordert.
Befürworter eines Verbots verweisen auf die psychischen Belastungen durch den Konsum sozialer Medien und auf die Suchtgefahren. Zudem haben sich zahlreiche Jugendliche das Leben genommen, nachdem sie online gemobbt wurden. Christian Montag, Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften und stellvertretender Direktor des Instituts für Kollaborative Innovation an der Universität Macau in China, wies am Donnerstag jedoch darauf hin, dass es noch Lücken in der Forschung zu den Auswirkungen des Konsums von Online-Medien gebe. Kritiker einer Gesetzesverschärfung sprechen von einem Eingriff in die Meinungsfreiheit. Zudem würden gefährdete Gruppen wie Teenager aus der LGBTQIA-Gemeinde oder Geflüchtete von ihren Unterstützer-Netzwerken abgeschnitten.
In den USA muss sich der Konzern MetaMETA.O wegen möglicher Suchtgefahren seiner Online-Netzwerke Facebook und Instagram vor Gericht verantworten. Firmenchef Mark Zuckerberg wies bei einer Anhörung am Mittwoch den Vorwurf zurück, die Plattformen würden gezielt Kinder ansprechen. Von den Klägern vorgelegte interne Dokumente legten jedoch eine andere Strategie nahe.
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