
- von Michael Holden und Sarah Young
London, 09. Feb (Reuters) - Der britische Thronfolger Prinz William und seine Frau Kate haben sich mit ungewöhnlich deutlichen Worten zu den neuen Enthüllungen im Missbrauchsskandal um den US-Finanzinvestor Jeffrey Epstein geäußert. Das Paar sei "zutiefst besorgt" über die jüngsten Veröffentlichungen aus den Epstein-Akten, teilte ein Sprecher am Montag vor einer Reise des Prinzen nach Riad mit. Ihre Gedanken seien bei den Opfern. Es ist die bislang schärfste Reaktion aus dem engsten Kreis der Königsfamilie auf die Dokumente, die Williams Onkel Andrew Mountbatten-Windsor schwer belasten.
Die Erschütterungen durch die neuen Akten haben inzwischen eine Regierungskrise in London ausgelöst. Am Montag trat Tim Allan, der Kommunikationsdirektor von Premierminister Keir Starmer, zurück. Erst am Sonntag hatte Starmers wichtigster Berater Morgan McSweeney seinen Hut genommen. Hintergrund ist die interne Unterstützung für Peter Mandelson, den Starmer trotz dessen bekannter Verbindungen zu Epstein zum Botschafter in den USA ernannt hatte.
Allan erklärte, er wolle den Weg für ein neues Team in der Downing Street freimachen. Der Verlust zweier hochrangiger Mitarbeiter kurz hintereinander gilt als schwerer Schlag für Starmer, der versucht, einen Schlussstrich unter die Affäre zu ziehen. Allan, ein ehemaliger Berater des früheren Premiers Tony Blair, hatte den Posten erst im September 2025 übernommen.
Sowohl Mandelson, den Starmer wegen der Verbindungen mittlerweile aus Washington abberufen hat, als auch Andrew stehen durch die Veröffentlichung von Millionen neuer Dokumente unter massivem Druck. Mandelson soll den Akten zufolge in den Jahren 2009 und 2010 sensible Regierungsunterlagen mit dem US-Finanzinvestor Epstein geteilt haben. Gegen den früheren EU-Handelskommissar laufen polizeiliche Ermittlungen wegen des Verdachts auf Fehlverhalten im öffentlichen Amt.
POLIZEI PRÜFT WEITEREN VORWURF GEGEN ANDREW
Bei Andrew geht es um ähnliche Vorwürfe: Aus E-Mails geht hervor, dass der 65-Jährige im Jahr 2010 vertrauliche britische Handelsdokumente an Epstein weitergeleitet haben soll. Dabei handelte es sich offenbar um Berichte über Vietnam und Singapur, die Andrew in seiner damaligen Funktion als britischer Sonderbotschafter für Handel erhalten hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Epstein bereits wegen Sexualstraftaten an Minderjährigen verurteilt. Die Weitergabe solcher sensiblen Informationen verstößt in der Regel gegen strenge Vertraulichkeitsregeln.
Der ehemalige Prinz hat durch seine Verbindung zu Epstein bereits seine gesellschaftliche Stellung und seine Privilegien verloren. Er musste 2019 von allen royalen Pflichten zurücktreten. Im Oktober entzog ihm König Charles den Prinzentitel, in der vergangenen Woche musste er sein Anwesen Royal Lodge in Windsor räumen.
Andrew hatte im Zusammenhang mit dem Epstein-Skandal 2022 eine Zivilklage von Virginia Giuffre, die ihm sexuellen Missbrauch als Minderjährige vorgeworfen hatte, mit einem Vergleich beigelegt. Giuffre beging im April Suizid. Andrew hat ein Fehlverhalten stets bestritten, zu den neuen Vorwürfen schweigt er bislang. Die Polizei im Thames Valley prüft derzeit zudem einen weiteren Vorwurf gegen Andrew, bei dem es um eine Frau geht, die zu einer Adresse in Windsor gebracht worden sein soll.
RÜCKTRITTE AUCH IN NORWEGEN UND FRANKREICH
Die Enthüllungen um Epstein ziehen immer weitere Kreise. Am Wochenende war die norwegische Top-Diplomatin Mona Juul wegen ihrer Verbindungen zu dem Sexualstraftäter von ihrem Posten zurückgetreten. Kronprinzessin Mette-Marit entschuldigte sich am Freitag erneut für ihre früheren Kontakte zu dem US-Multimillionär. In Frankreich gab der frühere Kulturminister Jack Lang sein Amt als Präsident des Instituts der Arabischen Welt auf.
Epstein hatte über Jahre hinweg einen Ring zur sexuellen Ausbeutung Minderjähriger unterhalten und weltweit Kontakte zu hochrangigen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Adel gepflegt. Er wurde im Juli 2019 festgenommen und nahm sich einen Monat später in einer New Yorker Gefängniszelle das Leben. Um den Fall ranken sich zahlreiche Theorien. Dazu gehören Spekulationen, Epstein habe im Auftrag russischer Geheimdienste kompromittierendes Material ("Kompromat") über einflussreiche Personen gesammelt, um diese erpressbar zu machen.