
Minneapolis, 25. Jan (Reuters) - Die Tötung der dreifachen Mutter Renee Good durch einen Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis Anfang Januar hat viele Bürger der Stadt aufgewühlt - und der Protestbewegung der Bürgerbeobachter deutlichen Zulauf verschafft. "Ich wusste, dass schlimme Dinge passieren, aber ich hatte noch nicht begriffen, wie schlimm es war", sagt etwa Aaron, der zu diesen Aktivisten gehört. "Und als das dann passierte, war es an der Zeit, etwas zu unternehmen", sagt der 41-Jährige, der aus Angst vor Repressalien seinen Nachnamen nicht nennen will. An diesem Tag etwa passt er seinen Sechs-Meilen-Lauf (fast zehn Kilometer) durch die Stadt so an, dass er durch Viertel läuft, in denen Anwohner ICE-Sichtungen in der Nähe von Schulen gemeldet hatten.
Bilder der oft vermummten Beamten in Sicherheitswesten flimmern seit Wochen über die heimischen Fernsehbildschirme. US-Präsident Donald Trump, ein Republikaner, hat die Beamten in von Demokraten geführte Städte geschickt. Sie sollen gegen illegale Einwanderer vorgehen. Kritiker sagen indes, Trump wolle damit Aufruhr in demokratisch geführten Bundesstaaten schüren, den es ansonsten gar nicht gegeben hätte. Heimatschutzministerin Kristi Noem und andere Vertreter der Trump-Regierung bezeichnen die Beobachter denn auch als "linksradikale Agitatoren". Am Samstag erschossen Bundesbeamte in Minnesota erneut einen Mann. Das US-Innenministerium erklärte, sie hätten sich verteidigen müssen.
Seit dem Tod von Renee Good schauen tausende Freiwillige aber genau auf die Einsätze, um Menschen zu warnen und das Vorgehen der Beamten zu dokumentieren. Die Beobachter sind oft an ihren grünen Westen und den um den Hals geschlungenen Trillerpfeifen zu erkennen. Sie werden immer häufiger an stark befahrenen Straßen und in Wohngebieten gesichtet, wenn die schwer bewaffneten, maskierten und taktisch gekleideten Bundesbeamten eingesetzt werden.
Good war Anfang Januar während eines Einsatzes von ICE-Beamten in ihrem Auto erschossen worden. US-Vizepräsident JD Vance bekräftigte bei einem Besuch in Minneapolis am Donnerstag frühere Darstellungen der Trump-Regierung, Good habe versucht, den Beamten anzufahren. Analysen von Videos durch die Nachrichtenagentur Reuters und andere Medien zeigen aber, dass die Räder ihres Wagens von dem Beamten weggedreht waren und er sich nicht in der Fahrlinie des Autos befand, als er schoss.
Mindestens fünf Organisationen bieten inzwischen Schulungen an, in denen Freiwillige lernen, die Einsätze zu beobachten und Anwendung von Gewalt zu dokumentieren. Man habe befürchtet, dass die Beteiligung nach Goods Tod zurückgehen werde, "aber das genaue Gegenteil war der Fall", sagt die Anwältin Kate Wegener, die solche Schulungen leitet. Die Online-Kurse einer Gruppe erreichten demnach innerhalb von Stunden die maximale Teilnehmerzahl von 1000 Personen. Sie lernen dort unter anderem Sicherheitstipps: Halten Sie einen Mindestabstand von drei Metern zu Bundesbeamten ein, befolgen Sie die Anweisungen und halten Sie Abstand, wenn Sie hinter Konvois von Beamten fahren. Die Freiwilligen sind zu einem gewohnten Anblick in der Stadt geworden.
Viele der Menschen treibt eine Mischung aus Angst und Pflichtgefühl an. Eine ist die alleinerziehende Mutter Fabiola, eine eingebürgerte US-Bürgerin, die ebenfalls ihren Nachnamen nicht nennen mag. "Ich habe Angst, aber gleichzeitig weiß ich, dass ich mich auch um meine Leute kümmern muss", sagt sie. Sie habe ihrem siebenjährigen Sohn beigebracht, wie er die Beamten an ihren Uniformen erkennen könne. Sie habe auch damit begonnen, Menschen, die Angst haben, ihre Häuser zu verlassen, mit Essen zu versorgen. Und sie komme regelmäßig an der behelfsmäßigen Gedenkstätte für Renee Good vorbei. "Sie hat Kinder, und ihre Kinder haben ihre Mutter nicht mehr", sagt sie mit Blick auf Good. "Und wenn mir etwas zustößt, wo soll mein Junge dann hin?"
Die Beobachter gehen große Risiken ein. Sie wurden bereits mit Tränengas angegriffen und festgenommen. Die 36-jährige Patty O'Keefe schildert, dass fünf Bundesbeamte ihre Autoscheibe zertrümmert, ihr Handschellen angelegt, sie in ein nicht gekennzeichnetes Fahrzeug verbracht und acht Stunden lang in einem Haftzentrum festgehalten hätten - bevor sie ohne Anklage wieder freigelassen worden sei. Das Heimatschutzministerium reagiert nicht auf eine Bitte um Stellungnahme zu dem Vorfall. Während die Bundesbehörden die Beobachter einschüchtern, werden sie vom Bundesstaat Minnesota unterstützt. Gouverneur Tim Walz fordert die Bürger auf, ihre Mobiltelefone zu zücken und die Bundesbeamten zu filmen. Zu den Risiken hinzu kommt das unwirtliche Wetter. Am Samstagnachmittag zeigte das Thermometer in der Stadt minus 19 Grad an, und es sollte noch kälter werden.
Aktivisten vergleichen das Ausmaß des Engagements mit der Protestwelle nach der Tötung von George Floyd im Jahr 2020. Ein weißer Polizist hatte dem Schwarzen damals beim Versuch einer Festnahme fast neun Minuten mit dem Knie auf dem Hals zu Boden gedrückt und auch nicht abgelassen, als Floyd mehrfach stöhnte, er bekomme keine Luft. Floyd starb. Die Tat war auf einem Video festgehalten worden. Sie sorgte weltweit für Entsetzen und löste eine Welle von Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt aus.
Der Protest in Minnesota zeigt offensichtlich Wirkung. Der Chef der Grenzschutzeinheit, Gregory Bovino, erklärte am Mittwoch, die Stadt sei ein "schwieriges operatives Umfeld" für die Einsatzkräfte. O'Keefe sagt, die Einschüchterungsversuche der Beamten zeigten den Erfolg der Beobachter. "Sie würden nicht so hart daran arbeiten, uns einzuschüchtern, wenn wir nicht tatsächlich erfolgreich wären, ihre Einsätze zu behindern oder zu verlangsamen."
An der Straße, in der Good getötet wurde, haben Anwohner einen Gedenkort errichtet. Menschen trotzen der Kälte, um Blumen und Kerzen niederzulegen. "Sie hat ihr Leben für uns gegeben", sagt Fabiola. "Ihre Seele ist im Himmel und sie beschützt uns."