
19. Jan (Reuters) - In Syrien liefern sich kurdische Kämpfer und Regierungstruppen Kämpfe um zwei Gefängnisse, in denen Tausende Extremisten des sogenannten Islamischen Staates (IS) inhaftiert sind. Die kurdisch geführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) sprachen am Montag von einer hochgefährlichen Entwicklung. Eine gewaltsame Übernahme der Lager könnte die Stabilität bedrohen und den Weg für eine Rückkehr des Chaos und des Terrorismus ebnen. Die syrische Armee kündigte an, sie werde die kurdischen Kräfte für die mögliche Freilassung von IS-Kämpfern verantwortlich machen.
Die SDF warf den Regierungstruppen vor, sie hätten die Haftanstalt Schaddadi im Nordosten des Landes angegriffen. Die Angreifer seien mehrfach zurückgeschlagen worden. Dabei seien jedoch Dutzende eigene SDF-Kämpfer getötet worden. Auch in der Nähe des Gefängnisses Al-Aqtan bei der ehemaligen IS-Hochburg Rakka sei es zu Zusammenstößen gekommen. Dort seien neun SDF-Mitglieder getötet worden.
Das syrische Verteidigungsministerium wies die Darstellung zurück. Die Armee habe die Gefängnisse nicht angegriffen, sondern lediglich mit der Sicherung der Anlage Al-Aqtan begonnen. Das Ministerium beschuldigte seinerseits die SDF, IS-Häftlinge aus Schaddadi freigelassen zu haben. Die syrische Armee verhängte eine vollständige Ausgangssperre über die Stadt Schaddadi. Das Militär werde die Stadt in der Provinz Hasaka nach den Extremisten durchkämmen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur SANA. Die Häftlinge seien während der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und kurdischen Einheiten aus dem Gefängnis der Stadt entkommen.
Der IS kontrollierte in seiner Hochzeit große Teile des Iraks und Syriens. 2014 verkündete die Miliz die Gründung eines radikal-islamistischen Kalifats. 2019 wurde der IS in Syrien von kurdischen Milizen mit Unterstützung der USA besiegt. Tausende IS-Kämpfer wurden gefangen genommen. Viele Experten warnen, sie seien immer noch radikalisiert.
INNENMINISTERIUM SOLL SCHADDADI ÜBERNEHMEN
Am Sonntag hatten syrische Regierung und Kurden im Nordosten des Landes eine sofortige Waffenruhe vereinbart. Das Abkommen sehe unter anderem den Abzug aller Kämpfer der Kurden-Miliz SDF auf das Gebiet östlich des Euphrat vor, hatte das Präsidialamt in Damaskus mitgeteilt. Teil des Abkommens war, dass die Verantwortung für die Gefängnisse mit den IS-Häftlingen der syrischen Regierung übergeben wird. Das Verteidigungsministerium in Damaskus erklärte nun, die Haftanstalt Schaddadi werde nach einer Sicherheitsüberprüfung dem Innenministerium übergeben.
Die SDF-Miliz gilt als wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen den IS in Syrien. Allerdings müssen die USA dies mit ihrer neuen Unterstützung für Präsident Ahmed al-Scharaa in Einklang bringen, dessen islamistische Rebellen Ende 2024 den langjährigen Machthaber Baschar al-Assad gestürzt haben. Die SDF teilte am Montag mit, die USA hätten auf ein Hilfeersuchen nicht reagiert.
Auch die Türkei erhöhte am Montag den Druck auf die Kurden. Präsident Recep Tayyip Erdogan pochte auf die zügige Umsetzung der Vereinbarung zwischen syrischer Regierung und SDF. Insbesondere müssten die kurdischen Kämpfer in die syrischen Streitkräfte eingegliedert werden. Die Regierung in Ankara betrachtet die kurdischen Milizen in Syrien als Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans PKK. Die türkische Regierung versucht derzeit mit einem Friedensprozess Kämpfe mit den kurdischen Gruppierungen zu beenden.