
- von Andreas Rinke
Ahmedabad, 12. Jan (Reuters) - Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hatte sich für Friedrich Merz eine seltene Ehre ausgedacht. Zu Beginn des lange verschobenen ersten Indien-Besuchs des Kanzlers lud er ihn in seinen Heimatbundesstaat Gujarat ein. Und dort trafen dann zwei Getriebene aufeinander: Denn das zunehmende Großmachtdenken der USA mit Präsident Donald Trump und Chinas unter Präsident Xi Jinping bringt sowohl Indien als auch Deutschland in die Bredouille. Von der "Renaissance des unseligen Protektionismus" seien beide Länder besonders betroffen, sagte der Kanzler am Montag.
Und weil man sich weniger auf die USA verlassen kann und auf China verlassen will, rauft sich hinter diesen beiden Supermächten klammheimlich der andere Teil der Welt langsam zusammen. "Wir erleben, dass große Mächte Lieferketten und Rohstoffe zunehmend als Machtmittel nutzen. Wir wollen uns dem gemeinsam entgegenstellen", sagte Merz in Ahmedabad kämpferisch. Man müsse die regelbasierte Ordnung, an der die meisten Länder ein Interesse hätten, so lange wie möglich aufrechterhalten.
Der Versuch ist bitter nötig. Denn gerade US-Präsident Trump hat mit seiner Zollpolitik und "America first"-Politik Schleifspuren auch in der deutschen Wirtschaft hinterlassen. Die Drohungen Trumps gegenüber dem zum Nato- und EU-Partner Dänemark gehörenden Grönland machen die Europäer sichtlich fassungslos - ganz zu schweigen von dem Gefühl selbst eingefleischter Transatlantiker, dass in den USA der Rechtsstaat und demokratische Umgangsformen geschleift werden.
Deshalb betont Merz nun die Interessenübereinstimmung mit dem demokratischen Indien, weil man "grundlegende politische Werte" teile. Frühere Vorwürfe, dass auch Modi teilweise autokratisches Verhalten vorgeworfen wird, spielen keine Rolle mehr. "Gerade angesichts der tiefen geopolitischen Veränderungen und Umbrüche in der Welt teilen wir ein fundamentales Interesse daran, unsere strategische Partnerschaft zu vertiefen", betont Merz, der sogar Verständnis für die indischen Rohstoffimporte aus Russland zeigt.
Aber auch Modi, der lange einen durchaus nationalistischen, protektionistischen Kurs fuhr, ändert sein Denken. Die drastischen Zollerhöhungen Trumps gerade gegenüber der Demokratie Indien und nicht etwa gegenüber dem kommunistischen China rollten als Schockwelle über Neu-Delhi. Auch dort entdeckt man nun wieder das Herz für die Europäer, die lange nur als nervig galten.
MERZ WANDELT AUF DEN PFADEN VON SCHOLZ
Genaugenommen wandelt der CDU-Vorsitzende jetzt auf einem Weg, den schon sein Vorgänger Olaf Scholz (SPD) bewusst eingeschlagen hatte. Der frühere Kanzler hatte in seiner Amtszeit systematisch den Kontakt zu Ländern der Südhalbkugel wie Brasilien, Südafrika oder Indonesien gesucht - und war in seiner kurzen Amtszeit gleich zweimal in Indien. Scholz hatte dies damit begründet, dass diese Schwellenländer zum einen immer wichtiger werden und Deutschland zum anderen in der neuen sich abzeichnenden Welt neue Freunde brauche. Die russische Invasion in der Ukraine und der Gazakrieg hatten wechselnden Bundesregierung zudem gezeigt, dass man auf der Südhalbkugel nicht unbedingt die Meinungen der größten Volkswirtschaft in Europa teilt. Im Werben um Indien machten übrigens bereits Scholz und die Ampel den Weg für Rüstungslieferungen an den Atomstaat Indien frei.
Nach dem Amtsantritt von Merz im Mai 2025 rückten diese Bemühungen um den Süden zunächst in den Hintergrund. Der neue Kanzler war zum einen mit der Rettung der Ukraine und als Transatlantiker zum anderen damit beschäftigt, noch größere Schäden durch das Agieren von US-Präsident Trump zu verhindern. Merz versuchte deshalb zuerst die westlichen und europäischen Partner um sich zu scharen.
Aber Ende vergangenen Jahres hatte Merz dann erstmals eingeräumt, dass dies nicht ausreicht. Die künftige wirtschaftliche, aber auch politische Kraft der Welt sitzt zunehmend auch auf der Südhalbkugel. "So wichtig Europa und die transatlantischen Beziehungen für uns Deutsche bleiben: Wir müssen heute ein größeres Netz an Partnerschaften knüpfen und zwar schnell und mit langem Atem zugleich", sagte nun plötzlich auch der CDU-Vorsitzende in Ahmedabad. Indien steigt sogar zu einem "Wunschpartner" für Deutschland auf. Dabei hatten die Regierungsparteien in Berlin Indien nicht als primär eingestuft und der AfD sogar den Vorsitz der deutsch-indischen Parlamentariergruppe im Bundestag überlassen.
Auf dem G20-Gipfel in Südafrika streckte Merz die Fühler auch zu anderen Schwellenländern aus. Die Tatsache, dass der deutsche Kanzler trotz des Boykotts von Trump gegen Südafrika angereist war, machte den Wunsch glaubwürdiger, Allianzen um die die Trump-USA und China herum zu organisieren. Deshalb gilt auch der Durchbruch des Mercosur-Freihandelsabkommens der EU mit den südamerikanischen Staaten als so wichtig.
Und jetzt erinnert man sich auch in Berlin wieder stärker daran, dass man mit Indien schon früher in geopolitischen Fragen zusammengearbeitet hatte. Denn beide Länder gehören seit langem zu denen, die auf eine Reform des überholten UN-Sicherheitsrates pochen, in dem immer noch die Siegermächte von 1945 den Ton angeben. Zusammen mit Indien, Brasilien und Japan gab es schon unter Kanzler Gerhard Schröder die sogenannten G4 - die die Atommächte auf eine Reform der internationalen Ordnung drängte.
Auch Modi erinnerte am Montag bei seinem Auftritt mit Merz ausdrücklich an diese G4-Bemühungen, die immer noch aktuell sind. So wie in Berlin der Glaube an die USA geschwunden ist, so hat auch das Selbstbewusstsein des bevölkerungsreichsten Staates der Erde einen Dämpfer bekommen: Trumps "America first"-Politik behindert den Aufstieg, auch Indien braucht neue-alte Freunde. Das gab dem Treffen von Merz mit Modi diese überraschend positive Note - bei dem nun sogar ein Abschluss des EU-Indien-Freihandelsabkommen noch Ende des Monats möglich erscheint.