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SPOTANALYSE-Finanzexperten zum Zinsentscheid der EZB

ReutersMar 19, 2026 2:09 PM

- Trotz Ölpreisschock und drohender Inflationsgefahr hält die EZB ihr zinspolitisches Pulver trocken. Der EZB-Rat um Präsidentin Christine Lagarde beließ den Einlagensatz am Donnerstag bei 2,0 Prozent. Über diesen Leitzins steuert die Europäische Zentralbank (EZB) maßgeblich ihre Geldpolitik. Es ist bereits die sechste Zinspause in Serie. Angesichts gesunkener Inflationsgefahr hatte die EZB den Schlüsselsatz von Mitte 2024 bis Mitte 2025 von vier auf zwei Prozent halbiert.

Analysten und Finanzexperten sagten zu der Entscheidung in ersten Reaktionen:

ULRICH KATER, CHEFVOLKSWIRT DEKABANK:

"Bei hohen Energiepreisen ist die EZB ein gebranntes Kind, weil sie die Inflation nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs unterschätzt hatte. Trotzdem sollte man sich die Unterschiede zur heutigen Situation genau anschauen. Damals lag die Inflation bereits vor dem Energiepreisschock bei über vier Prozent, heute sind es unter zwei Prozent. Wenn es nicht schnell eine Auflösung der Rohölblockade am Persischen Golf gibt, geht die Inflation in den kommenden Monaten Richtung drei bis vier Prozent. Das ist zu hoch, aber weit entfernt von der Horror-Inflation vor drei Jahren. Die EZB wird dann mit Leitzinserhöhungen reagieren, wenn sie in den kommenden Quartalen breite Preisüberwälzungen oder hohe Lohnsteigerungen als Reaktion auf steigende Energiepreise feststellt. Bis zum Herbst kann sie sich mit der Entscheidung Zeit lassen, sollte aber jetzt schon klar kommunizieren, dass sie entschlossen handeln wird, wenn die Inflation in der Breite ins Laufen kommt."

JENS-OLIVER NIKLASCH, LBBW:

"Noch glaubt die EZB offiziell daran, dass der Ölpreis-Schock nur temporär ist. Gleichzeitig signalisieren die Währungshüter, dass sie im Bedarfsfall handeln werden, um zu verhindern, dass die Inflation sich ähnlich hoch aufbäumt wie nach der Corona-Pandemie. Schon jetzt scheint klar, dass die EZB im Zweifel die Wachstumsrisiken nachrangig bewertet, wenn die Inflationsrisiken steigen. Sie wird nicht erneut zuwarten, bis die Inflation außer Kontrolle zu geraten droht. Der Markt hat sich darauf eingestellt. Bleibt die Straße von Hormus zu, wird ein deutlicher Zinsanstieg die Konsequenz sein."

JÖRG KRÄMER, CHEFÖKONOM COMMERZBANK:

"EZB-Vertreter betonen zu Recht ihre Bereitschaft, gegen einen kriegsbedingten deutlichen Anstieg der Inflation entschieden vorzugehen und nicht wie 2022 viel zu lange mit Zinserhöhungen zu warten. Ich halte diese Strategie für richtig, bin aber nicht davon überzeugt, dass die EZB wirklich so handeln wird. Denn es gibt im EZB-Rat viele geldpolitische Tauben, die nicht unbeeindruckt sind vom Wunsch vieler hochverschuldeter Staaten nach niedrigen Zinsen. Am Ende kommt es nicht auf Worte, sondern auf Taten an."

ALEXANDER KRÜGER, CHEFVOLKSWIRT HAUCK AUFHÄUSER LAMPE PRIVATBANK:

"Die EZB ist trotz stark gestiegener Energiepreise ruhig geblieben. Ihre kräftig angehobene Inflationsprojektion für 2026 entspricht der veränderten Lage. Es ist klar, dass die EZB auf einen Angebotsschock keinen Einfluss hat. Wie lange die EZB stillhält, hängt jetzt von der Dauer und Höhe der Energiepreise ab. Dass sich die Notenbank zurzeit alle Optionen offenhält, ist ein gangbarer Weg. Wahrscheinlich wird die EZB stillhalten, solange die Aussicht auf ein baldiges Kriegsende besteht. Sobald sich Zweitrundeneffekte einstellen, gerät sie stärker unter Druck. Sie wird dann zu entscheiden haben, ob sie die Inflation zu Lasten einer gebeutelten Wirtschaft bekämpft. Sollte es zu Zinserhöhungen kommen, dann aber wohl eher in geringem Ausmaß."

FRIEDRICH HEINEMANN, ZEW-INSTITUT:

"Die EZB ist durch den Irankrieg mit einer abrupten Veränderung im geldpolitischen Umfeld konfrontiert. Der Krieg hat kurzfristig die Energiepreise nach oben getrieben und könnte einen breiteren Inflationsschub auslösen. Die EZB hat beim letzten vergleichbaren Angebotsschock 2021/2022 zu lange abgewartet und dafür viel Kritik einstecken müssen. Der EZB-Rat wird diesen Fehler kein zweites Mal begehen wollen. Auch wenn heute noch kein Zinsschritt erfolgt ist, wird das Trauma von 2022 nachwirken und ein frühes Einschreiten gegen den Inflationsanstieg begünstigen. Die Wahrscheinlichkeit von bis zu zwei Zinsschritten vor der Sommerpause ist deshalb hoch."

MICHAEL HEISE, CHEFÖKONOM HQ TRUST:

"Der Krieg im Nahen Osten hat die Rahmenbedingungen für die EZB verändert. Die Inflationsrate wird selbst bei einer allmählichen Entspannung der Ölmärkte höher sein als bislang gedacht, die Wachstumsrate der Produktion niedriger. Auf einen stagflationären Schock wie den Krieg im Nahen Osten zu reagieren, ist für die EZB nicht einfach: Sie hat keine direkte Kontrolle über die Höhe der Weltmarktpreise für Energie und kann eine Überwälzung auf die Verbraucherpreise kurzfristig nicht verhindern.

Eine Straffung der Politik sollte erst anstehen, wenn die Inflationserwartungen nach oben gehen oder starke Übertragungseffekte des Energiepreisschubs auf andere Sektoren zu beobachten sind. Denkbar ist, dass eine Entspannung des Konflikts im Nahen Osten den Inflationsimpuls durch höhere Energiepreise wieder abbaut. In diesem eher positiven Szenario dürfte es nicht zu Zinssteigerungen der EZB im Verlaufe des Jahres kommen."

LENA DRÄGER, IFW-INSTITUT KIEL:

"Die geldpolitische Lehre aus 2022 ist zweigeteilt: Die EZB sollte weder durch institutionelle Bindungen noch durch vorschnellen Aktivismus in eine Situation geraten, in der sie vor oder hinter die Kurve gerät. Die richtige Strategie ist deshalb klar: Geduldig bleiben, aber handlungsbereit sein. Die EZB sollte jetzt abwarten – und gleichzeitig unmissverständlich signalisieren, dass sie bei Anzeichen für steigende Inflationserwartungen und Zweitrundeneffekte entschlossen reagieren wird."

JÖRG ASMUSSEN, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DES GESAMTVERBANDS DER DEUTSCHEN VERSICHERUNGSWIRTSCHAFT (GDV) UND EX-EZB-DIREKTOR:

"Trotz der zuletzt deutlich gestiegenen Energiepreise ist es richtig, dass die EZB die Leitzinsen unverändert lässt. Die Dauer des Kriegs im Nahen Osten und damit die Auswirkungen auf Inflation und Wachstum sind derzeit nicht abzuschätzen. Sollte der Preisschub anhalten, stehen die Zentralbanken vor einem klassischen Zielkonflikt. Gegen Angebotsschocks ist Geldpolitik ein stumpfes Schwert. Zugleich kann die EZB nicht zulassen, dass sich höhere Energie- und Nahrungsmittelpreise in den Inflationserwartungen verfestigen. Die Erfahrungen von 2022 haben gezeigt, wie schwierig ein solcher Vertrauensverlust werden kann. Im Vergleich zur US-Notenbank ist die EZB aber in einer günstigeren Ausgangslage. Die Inflation im Euroraum lag zuletzt leicht unter dem Preisstabilitätsziel, während sie in den USA weiterhin erhöht ist. Das verschafft der EZB Zeit, aber mehr auch nicht."

HEINER HERKENHOFF, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DES BUNDESVERBANDS DEUTSCHER BANKEN (BDB):

"Die Entscheidung der EZB ist angesichts der hohen Unsicherheit nachvollziehbar. Die stark gestiegenen Energiepreise infolge des Konflikts im Nahen Osten werden die Inflation im Euroraum erneut über das Zwei-Prozent-Ziel treiben und das Wachstum dämpfen. Die wirtschaftlichen Folgen für den Euroraum lassen sich derzeit jedoch noch nicht verlässlich abschätzen. Entscheidend wird nun sein, die Inflationserwartungen von Unternehmen und privaten Haushalten stabil zu halten. Die gestiegenen Kapitalmarktzinsen zeigen bereits eine erhöhte Unsicherheit über die künftige Preisentwicklung."

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