Dubai/Abu Dhabi, 03. Mrz (Reuters) - Jahrzehntelang galt für Dubai ein ungeschriebenes Gesetz: Egal, welche Konflikte den Nahen Osten erschütterten, an den Grenzen des Emirats machten sie halt. Mit glitzernden Skylines, Steuerfreiheit und einer reibungslosen Bürokratie baute die Stadt ihr Image als Oase der Stabilität in einer unruhigen Nachbarschaft auf. Die iranischen Vergeltungsschläge am Samstag haben dieses Image jedoch erschüttert. Die Angriffe trafen nicht nur Schlüsselsektoren wie Flughäfen, Hotels und Häfen, sondern auch das psychologische Fundament des Geschäftsmodells von Dubai.
Die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), einem engen Verbündeten der USA, bemühten sich umgehend um Schadensbegrenzung. Die nationale Katastrophenschutzbehörde teilte mit, die Lage sei unter Kontrolle. Doch für Investoren und Bewohner, die sahen, wie Raketen Wahrzeichen trafen, bleibt die Verunsicherung. "Es ist schwer, die Gefahr für Dubais Wirtschaftsmodell zu übertreiben", sagt Jim Krane vom Baker Institute der Rice University. Der physische Schaden möge begrenzt sein, doch der Status als sicherer Hafen für Ausländer und ihre Unternehmen werde zunehmend bezweifelt. "Je länger der Krieg andauert, desto intensiver wird die Suche nach alternativen Standorten sein", warnt Krane. "Internationales Kapital ist sehr mobil."
Die Nervosität an den Märkten ist greifbar. Als Zeichen der anhaltenden Anspannung blieben die Börsen in den VAE am Montag und Dienstag geschlossen. Zudem beeinträchtigten technische Ausfälle nach einem Treffer auf Rechenzentren von AmazonAMZN.O Web Services (AWS) einige Bankgeschäfte, wie eine mit der Situation vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters sagte. Zudem saßen Zehntausende Reisende in den Emiraten fest, weil der Luftraum weitgehend gesperrt blieb.
WIE DUBAI SICH ALS MARKE ETABLIERTE
Der Aufstieg Dubais von einem bescheidenen Perlen- und Fischereihafen zu einem globalen Finanzzentrum war ein jahrzehntelanges Projekt. Der Start der Fluggesellschaft Emirates 1985, die Eröffnung des Hotels Burj Al Arab 1999 und Gesetze, die Ausländern Anfang der 2000er Jahre erstmals Immobilienbesitz ermöglichten, waren die Säulen dieses Erfolgs. Heute wird Dubais Wirtschaft fast vollständig von Wirtschaftszweigen getragen, die nicht direkt mit der Ölbranche zusammenhängen; Öl macht inzwischen weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Handel, Tourismus, Luxusimmobilien und Finanzdienstleistungen haben das schwarze Gold ersetzt.
Dubai füllte in der Vergangenheit Lücken, die andere hinterließen. Die libanesische Hauptstadt Beirut war bis zum Bürgerkrieg in den 1970er-Jahren die Finanzhauptstadt der Region. Bahrain sprang ein, bis Dubai die Führung übernahm. Jeder Aufstieg basierte auf dem Versprechen, eine stabile Alternative zur jeweils vorangegangenen Krise der Region zu sein. Dubai profitierte dabei oft von der Instabilität anderer: Vertriebene Syrer, durch den Arabischen Frühling verunsicherte wohlhabende Familien und zuletzt Russen, die wegen des Ukraine-Krieges umzogen, brachten Kapital und Talente.
Die Bevölkerung der VAE schnellte nach Angaben der Weltbank von etwa einer Million im Jahr 1980 auf elf Millionen im Jahr 2024. Im vergangenen Jahr zogen laut Henley & Partners rund 9800 Millionäre in das Land – mehr als in jeden anderen Staat der Welt. Doch die Geografie bleibt eine Schwachstelle. Die Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Rohöls transportiert wird, liegt direkt vor der Haustür. Der Iran befindet sich in unmittelbarer Nähe auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs.
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Die Folgen vom Wochenende waren deutlich: Der internationale Flughafen von Dubai wurde getroffen, ein Liegeplatz im Hafen von Jebel Ali fing Feuer, und das Burj Al Arab wurde durch Trümmerteile beschädigt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums gab es drei Tote und 58 Verletzte.
"Die Leute haben Angst vor dem, was passiert. Es ist das erste Mal, dass sie sich in Unterständen verstecken müssen", sagt Nabil Milali, Portfoliomanager bei Edmond de Rothschild Asset Management. Er habe das weltweite Aktienengagement der Firma im Vorfeld reduziert, um sich auf mögliche Angriffe vorzubereiten. Es gebe eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent, dass eine geopolitische Risikoprämie für die Region lange bestehen bleibe.
Ein Insider einer mittelgroßen Investmentfirma in den VAE erklärt, sein Unternehmen plane bereits Entlassungen und habe die Kapitalbeschaffung gestoppt. Die Nachfrage nach Goldbarren ist einer Person aus der Schmuckindustrie zufolge sprunghaft angestiegen. Auch internationale Privatbanken könnten ihre Präsenz überdenken, hieß es aus Branchenkreisen.
Zwar verweist Madhur Kakkar von Elevate Financial Services auf die historische Widerstandsfähigkeit der VAE in Krisen wie der Corona-Pandemie. Eine breite Kapitalflucht sei unwahrscheinlich, solange die Spannungen nicht wesentlich eskalierten. Dennoch markiert die Aussetzung des Handels an den Börsen von Abu Dhabi und Dubai am 2. und 3. März einen beispiellosen Schritt. "Das ist wirklich ein großer Wandel in der Wahrnehmung", sagt William Jackson, Chefökonom für Schwellenländer bei Capital Economics. Die Golfstaaten hätten bisher als sicher vor iranischen Vergeltungsschlägen gegolten. "Ich denke, das hat sich am Wochenende wirklich geändert."