Berlin, 24. Mrz (Reuters) - Der jahrelange Beschäftigungsaufbau in Deutschland kommt 2026 voraussichtlich zu einem Ende. Erstmals seit der Finanzkrise 2009 dürfte die Zahl der sozialabgabenpflichtig Beschäftigten nicht mehr wachsen, sondern leicht schrumpfen, teilte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Dienstag in Nürnberg mit. Insgesamt werde die Zahl der Erwerbstätigen im Jahresdurchschnitt um 90.000 sinken. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte um 40.000 steigen. Als Hauptgründe nennen die Forscher die Belastungen durch den Iran-Krieg sowie den tiefgreifenden Strukturwandel der Wirtschaft. Für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird nur noch ein Wachstum von 0,8 Prozent erwartet.
Der Konflikt im Nahen Osten sorgt für höhere Energiepreise und eine schwächere Exportdynamik. Aufgrund dessen erwartet Enzo Weber vom IAB, "dass das BIP um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte weniger wächst als ohne den Krieg". Die Prognose gehe davon aus, dass der Konflikt noch einige Monate andauere, aber nicht weiter eskaliere. Die geopolitischen Risiken überschatten demnach positive Effekte durch staatliche Ausgaben. Zusätzliche Mittel für Verteidigung und aus dem Infrastruktur-Sondertopf gaben zwar spürbaren Rückenwind. Für einen nachhaltigen Effekt sei aber eine wirtschaftliche Erneuerungspolitik entscheidend.
TRENDWENDE BEI ARBEITSLOSIGKEIT ERST IM ZWEITEN HALBJAHR
Die wirtschaftliche Belebung werde den Arbeitsmarkt zwar stabilisieren, könne die negativen Trends aber nicht vollständig aufhalten, erklärte Weber. So steige die Zahl der Arbeitslosen zwar im Jahresdurchschnitt. Für die zweite Jahreshälfte rechne das IAB aber wieder mit einem leichten Rückgang.
Zudem bremst der demografische Wandel: Die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehende Erwerbspersonenzahl sinkt 2026 erstmals um 40.000 auf 48,62 Millionen Menschen. "Transformation erfordert neue Jobs, Weiterentwicklung und Wechsel. Am Arbeitsmarkt gibt es jedoch kaum Bewegung", sagte Weber.
Die Entwicklung verläuft dabei zweigeteilt. Während in der Industrie wegen hoher Energiepreise und Handelsstörungen mit einem Abbau von 140.000 Stellen gerechnet wird, dürften im Bereich öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit 180.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Als Gründe dafür nennt das IAB die alternde Gesellschaft, den Ausbau der Kinderbetreuung sowie Mehrausgaben für die innere und äußere Sicherheit.
Als größte langfristige Herausforderungen für Deutschland sieht Weber die Digitalisierung und Dekarbonisierung bei gleichzeitig schrumpfender Bevölkerung und einer schwierigeren Position auf den Exportmärkten. "In den kommenden Jahren ist der Arbeitsmarkt davon geprägt, dass stark besetzte Jahrgänge in Rente gehen", sagte der Ökonom. Die Fachkräftesicherung sei daher wichtiger denn je - auch zur Finanzierung der Sozialversicherungssysteme.