
Berlin, 12. Feb (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft wird sich laut BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels in den nächsten Jahren auf einen weit stärkeren Euro einstellen müssen. Er sieht den Wechselkurs im Jahr 2028 auf 1,40 Dollar ansteigen - auch wegen einer schwindenden Glaubwürdigkeit der US-Notenbank. Diese wird von US-Präsident Donald Trump immer wieder zu Zinssenkungen gedrängt. Die deutsche Wirtschaft sei allerdings schon dabei, sich vom Export als traditionellem Wachstumstreiber zu lösen, sagte Michels der Nachrichtenagentur Reuters in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview. "Wir haben jetzt einen massiven fiskalischen Impuls und nicht mehr den Export als Ursprung unserer wirtschaftlichen Erholung." Er fügte mit Blick auf das milliardenschwere Fiskalpaket hinzu: "Wir legen richtig Knete auf den Tisch, und das ist der Wachstumstreiber. Und damit kann man auch mit Wechselkurseffekten anders umgehen."
Bei den Großaufträgen habe sich zuletzt eine bedeutende Entwicklung abgezeichnet. "Es ist lange her, dass durch inländische Großaufträge oder Ähnliches unsere Produktions- oder Auftragszahlen verzerrt sind", sagte Michels. Die Impulse seien ansonsten zumeist von außen gekommen: "Da zeichnet sich eine Änderung des Geschäftsmodells ab."
Die USA hätten ein "Riesenproblem" mit ihrem Haushaltsdefizit, hinzu komme ein zu erwartender weiterer Verlust der Glaubwürdigkeit der US-Notenbank Federal Reserve. "Und das ist aus unserer Sicht der Treiber, dass wir dann beim Euro-Wechselkurs nicht mehr bei 1,30 oder 1,35 Dollar stehen, sondern Richtung 1,40 überschießen", betonte der Ökonom. Wenn das sich ändernde Geschäftsmodell unterstützt werde durch einen Zustrom an Kapital zum Antreiben des Binnenkonsums, könne man hierzulande vielleicht auch mit einem Euro-Kurs von 1,40 Dollar umgehen: "Die Frage ist, in welchem Tempo das stattfindet."
"FED KÖNNTE AN GLAUBWÜRDIGKEIT VERLIEREN"
Momentan trete der Euro auf der Stelle. "In der zweiten Jahreshälfte dürften wir dann Zinssenkungen der Fed sehen. Wir haben drei Schritte nach unten bis Jahresende in unserer Prognose drin", sagte Michels. Gegen Jahresende dürfte der Wechselkurs dann Richtung 1,22 Dollar gehen. "Wir erwarten, dass die Angriffe auf die Fed in den nächsten Jahren zunehmen werden und der Wechselkurs dann 2028 bei 1,40 Dollar stehen wird."
Bisher sei nicht voll eingepreist, dass die US-Notenbank an Glaubwürdigkeit verlieren könnte. Die in der Zukunft unter einem Notenbankchef Kevin Warsh wahrscheinlich zu lockere Geldpolitik werde dann vielleicht irgendwann inflationstreibend wirken. "Und wenn die Zinsen dann untengehalten werden, dürfte es offensichtlich werden, dass das Trumpsche Gesetz gilt: Sei loyal."
US-Notenbankchef Jerome Powell war vom US-Präsidenten immer wieder kritisiert worden, weil er die Zinsen aus Sicht Trumps nicht schnell genug senkte. Der US-Staatschef hat mit Kevin Warsh einen Nachfolger nominiert, bei dem sich der Kurs der unabhängigen Notenbank ab Juni ändern soll. Trump geht fest davon aus, dass sie unter Warsh die Zinsen senken wird. Er glaube, dass der künftige Fed-Chef seine Präferenz für niedrige Zinsen verstehe. "Wenn er angetreten wäre und gesagt hätte: 'Ich will sie anheben' hätte er den Job nicht bekommen", sagte Trump unlängst.