
Boston/New York, 28. Jan (Reuters) - Die extreme Kältewelle im Osten der USA bringt das Stromnetz an seine Belastungsgrenze. Der größte US-Netzbetreiber PJM Interconnection warnte am Mittwoch vor möglichen kontrollierten Stromabschaltungen ("Rolling Blackouts"), da vor dem Wochenende eine Rekordnachfrage erwartet werde. In Gebieten mit Netzengpässen stiegen die Großhandelspreise sprunghaft auf über 1000 Dollar je Megawattstunde. Im Versorgungsgebiet von Dominion EnergyD.N erreichten die Preise in der Spitze sogar rund 1600 Dollar - mehr als das Doppelte des PJM-Durchschnittspreises von 730 Dollar. Bislang seien jedoch noch keine Zwangsabschaltungen angeordnet worden, teilte PJM mit.
PJM organisiert die Stromversorgung für rund 67 Millionen Menschen - etwa ein Fünftel der US-Bevölkerung - in 13 Bundesstaaten sowie der Hauptstadt Washington. Dem Betreiber zufolge sind zahlreiche Hochspannungsleitungen durch die hohe Last oder wetterbedingte Schäden in ihrer Kapazität eingeschränkt. Dies zwingt die Versorger dazu, auf lokal verfügbare, aber oft teurere und ineffizientere Kraftwerke zurückzugreifen, um die Versorgung zu sichern. PJM prognostizierte für Freitag eine Nachfrage von 148 Gigawatt (GW), was ein Winterrekord wäre.
Verschärft wird die Lage durch Probleme bei der Erdgasversorgung. Da viele Förderanlagen in Texas, Louisiana und Oklahoma wegen der eisigen Temperaturen vereist sind, ist das Angebot an Erdgas deutlich gesunken, wie Daten von LSEG zeigen. Dies führt zu Ausfällen bei Gaskraftwerken, die für die Netzstabilität dringend benötigt würden. In den betroffenen Gebieten herrschen derzeit Temperaturen von teils minus 18 Grad. US-Präsident Donald Trump hat fossile Brennstoffe und die Kernkraft in den Mittelpunkt seiner Energiepolitik gerückt. Seine Regierung forciert die Förderung von Öl und Erdgas, während sie zeitgleich gegen Solarenergie und Windkraft vorgeht.
Das US-Stromnetz gilt insgesamt als veraltet und anfällig für Extremwetter. Die Infrastruktur ist in mehrere regionale Verbünde aufgeteilt, ein Großteil wurde Mitte des vergangenen Jahrhunderts konzipiert. Das Netz muss nun die Integration erneuerbarer Energien sowie den steigenden Bedarf durch Rechenzentren für die Künstliche Intelligenz (KI) bewältigen. Traditionell verzeichnen die USA ihren höchsten Stromverbrauch in den heißen Sommermonaten, wenn Millionen Klimaanlagen auf Hochtouren laufen.